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Ein Punkt der Moral, für die Moral – auch dank der Einwechsler

By 5. April 2026No Comments

Foto: Christian Donner

Nur ein Punkt? Es stimmt: Um Boden auf die Nichtabstiegsplätze gutzumachen, hätten die Chemiker bei der VSG Altglienicke einen Dreier dringend gebrauchen können. Warum es am Ende trotzdem ein gewonnener Punkt war, der für die kommenden Aufgaben Mut macht.

Da wäre zum einen das deutliche Chancenübergewicht auf Leutzscher Seite. Obwohl die VSG als Tabellensechster über mehr Ballbesitz und zumeist auch die technisch feinere Klinge verfügte, waren es zur Überraschung vieler Zuschauer die Grün-Weißen, die sich über die komplette Spielzeit die klareren Chancen erarbeiteten. Allein das Zielwasser, gerade bei Abschlüssen aus der zweiten Reihe, fehlte. Immerhin: Chemie probierte es häufiger aus der Distanz als in der Vergangenheit.

Als die VSG durch einen Nachschuss aus spitzem Winkel in Führung ging, schien das Spiel auf den Kopf gestellt. Erinnerungen an das Babelsberg-Spiel wurden wach, denn auch dort war Chemie nicht die schlechtere Mannschaft. Doch diesmal blieb die BSG am Ball, nahm die Köpfe wieder hoch, probierte es und wieder, bis zum Ende – obwohl so viele Versuche zunächst misslangen.

Enke, Bulland, Nadjombe: frischer Wind von der Bank

Weitere Chancen für Altglienicke ließ man dabei nicht mehr zu. Der für den angeschlagenen Sanin eingewechselte Marc Enke präsentierte sich zweikampfstark gegen die starke VSG-Offensive um Jonas Nietfeld und strahlte Sicherheit in der Spieleröffnung aus. „Mein Job war, hinten dicht zu machen, während wir vorn auf den Ausgleich drängen, und dabei auch mutig nach vorn zu verteidigen, damit wir den Druck hoch halten“, sagt der Verteidiger. Dafür gibt es ein Lob vom Trainer. „Marc hat das gut gemacht. Er war sehr resolut im Zweikampf, hat dazu ein paar gute Bälle nach vorn gespielt“, sagte Alexander Schmidt.

Anton Bulland, der gegen Babelsberg zu seinen ersten Pflichtspielminuten in der Regionalliga und im Herrenbereich überhaupt gekommen war, und Rückkehrer Jean-Marie Nadjombe setzten nach ihren Einwechslungen für die ausgepowerten Lisinski (63. Minute) und Seidel (84.) entscheidende Impulse. Trainer Alexander Schmidt erklärt, wie es zu Bullands ersten beiden Einsätzen kam: „So bitter das klare Ergebnis in Babelsberg gewesen ist: Für uns war es die Gelegenheit, Anton endlich seine ersten Minuten zu geben. Er hat seine Sache gut gemacht, weshalb es keine Bedenken gab, ihn gegen Altglienicke erneut aufs Feld zu schicken. Er entwickelt sich sehr gut.“ Der Jungspund ist glücklich über seine erneute Einwechslung: „Auf dem Platz zu stehen, hat sich sehr gut angefühlt. Dafür arbeitet man jeden Tag hart im Training. Ich bin happy und sehr dankbar dafür, dass ich bei Chemie, einem Verein mit so viel Tradition und so vielen Fans, spielen kann“, so Bulland.

Während der 20-Jährige Übersicht und Behauptungswillen gegen abgezockte VSG-Profis bewies, war auch Späteinwechsler Nadjombe sofort da, hätte mit seinem Schuss von der Strafraumgrenze – seiner allerersten Ballberührung – um ein Haar zum Ausgleich getroffen. In der Folge brachte er mehrfach seine Schnelligkeit zur Geltung, leitete zudem instinktiv den Schussversuch des ebenfalls eingewechselten Janik Mäder auf Stanley Ratifo weiter, der das umjubelte 1:1 in der Nachspielzeit besorgte.

„Nach so langer Auszeit wieder auf dem Platz zu stehen und dann noch an einem Tor mitbeteiligt zu sein, war ein unglaubliches Gefühl. Ich wollte einfach nur alles geben und freue mich, wenn das ein Stück weit Früchte getragen hat“, sagte Jean-Marie Nadjombe nach dem Spiel. Die Szene zum Tor beschreibt er so: „Nachdem Jani geschossen hat, wollte ich den Ball einfach nur irgendwie erreichen und noch mal scharfmachen. Ratifo kam dann zum Glück ran und hat den verdienten Ausgleich erzielt.“ Auch sein Trainer war zufrieden mit der Leistung und der generellen Einstellung seines Schützlings: „Jean-Maries Position ist bei uns gut besetzt, sodass er es lange Zeit schwer hatte. Aber er hat sich nicht hängen lassen und ist immer am Ball geblieben. Nach seiner Einwechslung hat er genau eingebracht, was wir uns gewünscht hatten.“

Alexander Schmidt: „Wir brauchen jeden einzelnen Spieler!“

Und Stanley Ratifo? Der blieb beharrlich, trotz ausgelassener Einschussmöglichkeiten. Und: Was in Saisonrückblicken als „Kacktor“ eingehen mag, war in Wahrheit nichts als astreine Stürmerarbeit: goldrichtig gestanden, schneller reagiert als der Gegenspieler, den Körper wuchtig eingesetzt und im Fallen vielleicht nicht akrobatisch, aber entscheidend den Fuß ans Spielgerät bekommen.

Sein Trainer vergibt schon längst keine Schönheitsnoten mehr: „Im Abstiegskampf gibt es keine schönen oder weniger schönen Tore mehr. Es gibt nur noch wichtige Tore. Stanley ist, obwohl er davor ein paar Chancen hat liegen lassen, bis zur letzten Sekunde beharrlich geblieben. Sein Tor war von ihm und der gesamten Mannschaft eine absolute Willensleistung. Und das zählt“, sagt Alexander Schmidt.

Entsprechend groß war die Freude über den späten Treffer, den die Chemiker mit ihren 600 mitgereisten Anhängern feierten: „Wir hatten das Gefühl, dass wir es einfach verdient hatten, etwas Zählbares mitzunehmen“, beschreibt es Marc Enke. „Der gemeinsame Jubel mit den Fans war dann Balsam für die Seele – auch wenn wir natürlich lieber drei Punkte mitgenommen hätten.“

Auch Alexander Schmidt sah angesichts der vielen Torgelegenheiten mit lachendem und weinendem Auge auf den Punktgewinn. „Es ist schade, dass es nur ein Punkt geworden ist. Aber wenn du erst kurz vor Schluss den Ausgleich machst, nimmst du diesen Punkt für die Moral gern mit“, sagte er. „Gerade mit Blick auf die wichtigen Spiele in den kommenden Tagen und Wochen.“

Dazu kam für den Trainer die wichtige Erkenntnis: „Ausnahmslos alle Spieler, die reingekommen sind, haben die erhoffte Frische ins Spiel gebracht. Das ist wichtig für uns, denn so wissen auch die Spieler, die von Anfang an spielen: Ich kann mich voll verausgaben, denn wenn ich raus muss, werde ich gut ersetzt.“ Schmidt ist sich sicher: „Wenn wir die Klasse noch aus eigener Kraft halten wollen, brauchen wir jeden einzelnen Spieler – im Training und auch im Spiel.“

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