Das Heimspiel gegen den FC Eilenburg am vorletzten Spieltag vergangener Saison war tagelang ausverkauft (Foto: Höllenreiter)
17 ausverkaufte Heimspiele in der vergangenen Saison sprechen eine deutliche Sprache: Chemie zieht Zuschauer in Mengen an wie zuletzt in den 1990er Jahren, als der FC Sachsen die Crème de la Crème des Fußballostens im Alfred-Kunze-Sportpark empfangen hatte.
Aktuell ist die Kapazität des Alfred-Kunze-Sportparks jedoch auf 4999 Zuschauer begrenzt. Grund dafür sind Auflagen, welche die Sächsische Versammlungsstättenverordnung auch von Sportstadien wie unserer Heimstätte verlangt. Wie steht es nun also um die von Verein und Fans ersehnte Erweiterung? Antworten hat Geschäftsführer Steve Bathelt.
Frage: Steve, was genau fehlt bisher, um die Stadionkapazität zu erhöhen? Welche konkreten Baumaßnahmen wären erforderlich?
Steve Bathelt: Nach jetzigem Stand ist der Weg zu einer Vollauslastung des AKS als Versammlungsstätte vorgezeichnet. Das Areal wurde im vergangenen Jahr vollumfänglich vermessen, nun fehlt das Entfluchtungs- und Brandschutzkonzept, eine Verkehrskonzeption und die Erneuerung des Schallschutzkonzeptes, um letztlich eine Baugenehmigung für das Hauptstadion einreichen zu können. Im Zuge eines Verkehrskonzeptes wird die Zuwegung und der Umgang mit dem ruhenden Verkehr nachgewiesen. Hier geht es insbesondere um den Nachweis von Stellplätzen und die Anrechnung von möglichen Kompensationsmaßnahmen für fehlende Stellplätze. Das kann zum Beispiel ein Kombiticket für den ÖPNV und/oder die Anrechnung von Park & Ride-Parkplätzen mit Shuttleverkehr sein.
Müssen alle baulichen Maßnahmen auf einmal realisiert werden oder wird es möglich sein, die Dinge Schritt für Schritt abzuarbeiten?
Steve Bathelt: Es besteht die Möglichkeit, im Zuge der Beantragung der Baugenehmigung das Stadion etwa in vier Segmente zu gliedern und die erforderlichen Baumaßnahmen dann Segment für Segment umzusetzen. Übergeordnete Maßnahmen wie die Schallschutzanlage an der Südseite oder auch die Beschallungsanlage, müssen mit dem ersten Abschnitt umgesetzt werden.
Steve Bathelt bildet zusammen mit Patrick Schumann die Geschäftsführung der BSG Chemie Leipzig
Wie könnte eine Schallschutzanlage zum südlichen Wohngebiet denn aussehen?
Steve Bathelt: Auch wenn die finale Höhe der baulichen Anlage erst die Erneuerung des Schallschutzgutachtens und eine Simulation zeigen wird, suchen wir nach Lösungen, die sich in das gewachsene Umfeld des Sportparks einfügen lässt. Von einer Einhausung und Teilüberdachung des Gästeblocks mit entsprechenden Aufbauten bis hin zu Kombinationen mit einer begrünten Schallschutzwand wird es hier mehrere bauliche Optionen geben.
Mit welchen Kosten wäre zu rechnen?
Steve Bathelt: Nach aktuellen Schätzungen wird die Errichtung einer Schallschutzanlage die größte Position sein. Sie wird gebraucht, um die Grenzwerte der südlichen Wohnhäuser einhalten zu können. Hier reden wir über zirka eine Million Euro.
Damit wäre es aber vermutlich noch immer nicht getan?
Steve Bathelt: Für den Ausbau unserer Beschallungsanlage auf 10.000 Zuschauer kalkulieren wir mit 120.000 Euro. Laufend, also pro Saison, würde ein dann definitiv notwendiges Kombiticket mit ebenfalls etwa 120.000 Euro zu Buche schlagen. Die Herstellung beziehungsweise Überarbeitung der vorhandenen Infrastruktur im Stadion, sprich Zugänge, Wege und Treppen, Beleuchtung und so weiter ist finanziell überschaubarer. Hier haben wir in den vergangenen Jahren schon sehr viel vorgesorgt, viele Voraussetzungen bereits geschaffen. An dem Punkt der Finanzierung sind wir noch nicht. Fakt ist, dass weder der Verein aus dem laufenden Geschäftsbetrieb noch die in Haushaltsnotlage befindliche Stadt Leipzig als Eigentümerin der Anlage die Investitionen allein wird stemmen können. Es wären also erneut Mittel aus anderen Töpfen notwendig.
”Bei den Kosten für eine Schallschutzanlage reden wir von zirka einer Million Euro.
Steve BatheltGeschäftsführung BSG Chemie Leipzig
Rund 120.000 Euro Aufwendungen für ein ÖPNV-Kombiticket pro Saison – das klingt nicht gerade wenig. Woher soll dieses Geld Jahr für Jahr kommen?
Steve Bathelt: 120.000 Euro jährlich ist eine grobe Schätzung. Die Zahl ist abhängig von den dann neu zu kalkulierenden erhöhten Zuschauerzahlen, den aktuellen Tarifverträgen der L-Gruppe und unserem verhandelten Preis pro Zuschauer. Zum Verständnis: Wir werden rund um den AKS nicht die geforderten Stellplätze nachweisen können. Als Kompensation reduzieren sich die geforderten Stellplätze gemäß aktueller Stellplatzsatzung der Stadt Leipzig um 30 Prozent, wenn wir ein Kombiticket anbieten. Diese Maßnahme ist für eine Kapazitätserhöhung unumgänglich, die Kosten dafür müssten solidarisch von allen Ticketkäufern getragen werden – auch von denen, die in der Nähe wohnen und zu Fuß kommen, mit dem Auto anreisen oder seit jeher mit dem Rad in den AKS kommen.
Wie viel Geld gibt Chemie aktuell jährlich für die Sanierung des AKS aus, wie viel haben wir in den vergangenen fünf Jahren investiert?
Steve Bathelt: Pauschal lässt sich dies nicht beantworten, da der jährliche Abbau des Sanierungsstaus der letzten Jahrzehnte für das Gesamtareal, wenn man so will, viele Väter und Mütter hat. Wir setzen eigene Mittel und eigenes Personal ein, akquirieren direkt oder indirekt Drittmittel, Ehrenamtliche erbringen Bauleistungen, Partnerfirmen stellen Material oder Geräte zur Verfügung – all das ist neben dem Tagesgeschäft des Gesamtvereins und der Herstellung einer sportlichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Profiklubs der Liga noch immer ein riesiger Kraftakt.
Trotzdem sind doch von Vereinsseite enorme Anstrengungen unternommen worden …
Steve Bathelt: Das ist richtig. Die Einweihung des Funktionsgebäudes in zwei Wochen und der Baubeginn eines zweiten Kunstrasens in acht Monaten ist zunächst mal ein Ergebnis von harter Arbeit in den vergangenen fünf Jahren. Lasse ich diese beiden Projekte einmal außen vor, kommen wir in den vergangenen fünf Jahren mit Eigenmitteln, Sachleistungen und Drittmitteln sicherlich auf 1,5 bis 2 Millionen Euro, die wir in den Alfred-Kunze-Sportpark investiert haben. In dieser Zeit wurden zwei Flutlichtanlagen errichtet, eine Tribüne saniert, drei Beregnungsanlagen installiert, 1 Kilometer Zaunanlagen und Eingänge erneuert, ein barrierefreier Zugang errichtet und Sitzplatzbereiche für 2000 Zuschauer einschließlich Treppenanlagen etc. saniert. Insofern verlieren die im Raum stehenden Zahlen zu einer möglichen Vollauslastung des Sportparks ein Stück weit ihren Schrecken. Es sollte nur niemand die Geduld oder die Demut verlieren.
Nüchtern geschätzt: Wann ist frühestens an eine Erweiterung zu denken? Was wäre dafür erforderlich, mehr noch als bisher?
Steve Bathelt: Wir können hier keine Schätzung abgeben, weil wir von dem Wohlwollen, dem Bekenntnis und der Unterstützung von Dritten abhängig sind. Mit der so wichtigen Lobbyarbeit in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft tun wir uns naturgemäß einfach schwer, sind aber, glaube ich, inzwischen auf einem ganz guten Weg.
Warum fällt uns Lobbyarbeit eher schwer?
”Wir alle sind lieber der Wind als das Fähnchen. Aber du musst Kompromisse eingehen.
Steve BatheltGeschäftsführung BSG Chemie Leipzig
Steve Bathelt: Ehrliche Antwort? Wir alle lieben die Freiheit, wollen am liebsten von niemandem abhängig sein, können scheinbar gut damit leben, mehr Gegner als Freunde zu haben und sind aus Prinzip viel lieber der Wind als das Fähnchen. Weiterentwicklung des Vereins und Konkurrenzfähigkeit bedeutet in der Lobby- und Netzwerkarbeit aber auch, dass du Gespräche führen musst, die dir vielleicht nicht liegen, Kompromisse eingehen musst, die dir eigentlich widerstreben, und manchmal auch um Hilfe bitten musst, obwohl du doch eigentlich stolzer Chemiker bist.
Woran erkennst du, dass wir auf diesem Gebiet mittlerweile auf dem richtigen Weg sind?
Steve Bathelt: Bereiche wie die Mitgliedschaft, Partnerschaften oder Kooperationen, die auf den ersten Blick nichts mit dem Ziel der Stadionkapazität zu tun haben, sind die wichtigsten Treiber, um voranzukommen. Wächst die BSG Chemie, wächst auch das Interesse der Politik auf Landes- und Bundesebene an Verein und Sportpark. Erste Meilensteine wie die Austragung eines Länderspiels des DFB im Alfred-Kunze-Sportpark bestätigen Richtung und Richtigkeit des Weges. Die Strahlkraft und Kontinuität, die der Verein gerade auf und neben den Plätzen entwickelt, gilt es nun in ein sehr konkretes Ziel des Vereins zu transferieren. Als ganze Vereinsfamilie müssen immer und überall deutlich machen: Mit uns ist zu rechnen, an Chemie kommt man nicht vorbei.
Das Interview führte Stefan Schilde.
Dieser Beitrag ist Teil des Mitglieder-Newsletters im Monat Mai 2026, der für Mitglieder am 31.05.2026 erschien.
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