Foto: Franz Engler
Es ist vollbracht! In Berlin-Neukölln gelang den Chemikern am vergangenen Mittwoch mit dem ersten Saisonsieg (5:2) der so wichtige Befreiungsschlag. Den Jubel der gut 900 Fans im Gästeblock noch in den Ohren, geht es für die Chemie-Elf mit unveränderter Schlagzahl nun auf eigenem Platz weiter. Die Liga (und gerade eine englische Woche) gibt Team und Fans keine Verschnaufpausen und zwingt alle dazu, die Spannung hoch zu halten. Gegen ein Spitzenteam der Liga, bereits im vergangenen Jahr an der chemischen Trendwende beteiligt, will das Team von Alexander Schmidt jetzt mit dieser Rezeptur auch am ersten Heimsieg der Saison arbeiten.
Unser Gäste aus dem Erzgebirgsvorland konnten zuletzt im Jahr 2013 im Sachsenpokal im Leipziger Westen gewinnen und versuchen seit nunmehr sechs Jahren, diesen Umstand im Ligabetrieb zu beseitigen. Umso unpassender im Vorfeld des Spiels kam für die Himmelblauen, eines der Teams der Stunde, unter der Woche gegen den SV Babelsberg (0:1) die erste Saisonniederlage, die man zügig vergessen machen möchte; auch, um nicht das gesammelte Momentum des Saisonstarts zu riskieren oder zu verlieren. Sonntagabend, volle Hütte, Flutlicht, viel viel Tradition und zwei Teams auf der Suche nach dem ersten Sieg in Leutzsch — Hochspannung garantiert: Zum 10. Spieltag der Regionalliga Nordost empfängt die BSG Chemie Leipzig am morgigen Sonntag, 20. September 2026, um 18 Uhr den Chemnitzer FC im Alfred-Kunze-Sportpark.
Himmelblauer Höhenflug: Der Saisonstart in Chemnitz
Schludrig, schlampig, unnötig — mit diesen Adjektiven beschrieben David Vogt und sein Trainer Benjamin Duda das Spiel gegen den SV Babelsberg 03 in der nachfolgenden Pressekonferenz. Speziell Ballverluste, Passgenauigkeit und Chancenverwertung waren Duda, der seit September 2024 die Geschicke an der Seitenlinie leitet, in der Performance seiner Elf ein Dorn im Auge. Vorne war es beispielsweise Neuzugang Ron Berlinski, der in der ersten Halbzeit mehrere gute Chancen zur Chemnitzer Führung liegen ließ; auch die beiden (je vier Tore) Top-Torschützen der Mannschaft, Domenico Alberico und Jonas Marx (nach Einwechslung), verpassten. In der Bewegung nach hinten hieß der Unglücksrabe aber schlussendlich Tim Baumgart, dessen Fehlpass im Mittelfeld den kurz zuvor eingewechselten Babelsberger Joshua Okpalaike (kam von der SpVgg Greuther Fürth II) in Szene setzte und der diese Einladung zu seinem zweiten Saisontor dankend annahm.
So stand nach 90 Minuten ein 0:1 auf den Anzeigetafeln des Stadions an der Gellertstraße, gleichbedeutend mit der ersten Niederlage dieser Saison und saisonübergreifend der ersten Niederlage nach 13 Pflichtspielen der Himmelblauen. Zuvor hielten sich die Männer des CFC durchgehend schadlos und verbuchten starke 20 Punkte aus den ersten acht Spielen. Eine nicht zu verachtende Statistik angesichts des fordernden Auftaktprogramms: nach Erfolgen gegen Hertha BSC II (4:0) und den BFC Preussen (3:0) untermauerte das Team von Benjamin Duda mit Siegen gegen die beiden Traditionsgegner FSV Zwickau und FC Erzgebirge Aue (jeweils 3:1), den amtierenden Meister und die hochgerüstete VSG Altglienicke (jeweils 2:0) seine Ansprüche in dieser Saison. Auch gegen die Mitfavoriten aus Halle (0:0) und den FC Carl Zeiss (1:1) — in dem man erst Sekunden vor dem Schlusspfiff ausglich (90.+8) — demonstrierte das Chemnitzer Team sein Formhoch und Mentalität.
In der ersten Niederlage, einem Resultat von Mängeln in Chancenverwertung, Spielkontrolle und Präzision, sind für Trainer und Team aber zweifellos Lektionen zu finden. „Entscheidend ist, dass wir aus dem letzten Spiel lernen. Und das werden wir auch tun“, so Benjamin Duda vor der Presse und dem traditionell „ekligen, emotionalen und kämpferischen“ Auswärtsspiel im Alfred-Kunze-Sportpark — in dem seine Mannschaft sich, der Liga und ihren bis zu 900 mitgereisten Fans zeigen muss, wie sie mit Gegenwind im Höhenflug umgeht.
Steigt ein Fahnenwald empor: Chemie vor dem Flutlichthighlight
Ebenfalls rund 900 Fans waren es, die das jüngste Auswärtsspiel der BSG Chemie im Gästeblock begleiteten und — bei einer Gesamtzuschauerzahl von 1968 — förmlich in ein Heimspiel verwandelten. Im Werner-Seelenbinder-Sportpark (und wahrscheinlich in ganz Berlin-Neukölln) waren nur die Gesänge der grün-weißen Anhängerschaft zu hören, die beim ersten Saisonsieg gegen den SV Tasmania Berlin sogar gleich fünf Tore ihrer Elf bejubeln durften. Gegen den Aufsteiger setzte sich das Team von Alexander Schmidt mit 5:2 (3:2) durch und machte dank der drei Punkte einen wichtigen Satz in der Tabelle, in der man nun mit sechs Zählern Tabellenplatz 14 einnimmt. Im Süden der Hauptstadt machten dabei gerade unsere spätberufenen Neuzugänge vor dem gegnerischen Kasten auf sich aufmerksam.
In den Anfangsminuten brachte Darijan Silic die Chemiker nach einer Ecke in Führung (8.), wenige Minuten später erhöhte Malick Sanogo mit seinem ersten Saisontreffer auf 2:0 (15.), bevor die BSG Chemie die Tasmanen ohne Not zurück ins Spiel holte. Sowohl der Anschlusstreffer zum 2:1 (21.) als auch der zum 3:2 (nach erneuter Führung der BSG durch Willi Reincke vom Punkt) resultierten obendrein aus Fehlern in der Defensive, die auch Alexander Schmidt vor der Presse aufgriff: „Wir hatten im Prinzip alles im Griff und haben dann aber Tasmania wieder stark gemacht, mit individuellen groben Schnitzern,“ so Schmidt, „so wurde es über weite Teile nichts mit der Spielkontrolle und zu einer Achterbahnfahrt.“ Die aber, trotz Drangphase der Hausherren und einiger Arbeit für Marcel Bergmann in der zweiten Hälfte, für die Chemiker ein gutes Ende nehmen sollte: Philipp Kühn schnürte mit zwei sehr sehenswerten Treffern (84./90.+5) seinen zweiten Doppelpack im grün-weißen Dress und entschied eine turbulente Begegnung für die Leutzscher. „Es war ein richtiger Befreiungsschlag für alle von uns in einem hitzigen heißen Spiel. Ich als Trainer hätte mir das natürlich alles ein bisschen ruhiger gewünscht,“ ergänzte der Coach mit einem Schmunzeln.
Gegen den formstarken Chemnitzer FC wird die Aufgabe für sein Team selbstredend eine andere sein als gegen den Aufsteiger aus der Hauptstadt. „Aber letztes Jahr gegen Chemnitz kam bei uns ein bisschen die Wende, vielleicht liegen die uns,“ so Schmidt. Womit er nicht falsch liegt: nach dem 2:1 (0:1) im März, bei dem Rudolf Sanin aus der Distanz den Siegtreffer markierte, sammelte Chemie aus den folgenden 13 Spielen bärenstarke 24 Punkte und den Klassenerhalt. Und auch vor seiner Zeit spricht die Statistik für die Leutzscher: Seit der Chemnitzer Rückkehr in die Regionalliga Nordost wurden zwölf Duelle mit den Himmelblauen ausgetragen, wovon Chemie die Hälfte für sich entscheiden konnte (Punkteschnitt pro Spiel gegen Chemnitz: 1,75), der CFC nur derer drei. Und, ungleich wichtiger: keines davon in Leutzsch! Für den jüngsten Sieg der Chemnitzer muss man nicht nur in einen anderen Wettbewerb, sogar in ein anderes Jahrzehnt springen, als sich am 17. November 2013 der damalige Siebtligist BSG Chemie Leipzig im Sachsenpokal 0:4 (0:1) geschlagen geben musste. Die Zeiten sind andere, die Liga auch, doch eines bleibt gewiss: den Chemnitzern wird es in Leutzsch traditionell — und auch morgen — ungemütlich gemacht.
Forza, BSG!



