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Niederlage gegen Altglienicke trotz couragierter Leistung

By 7. März 2020 März 9th, 2020 No Comments

Foto: Christian Donner

Der Fußball kann manchmal extrem ungerecht sein. So lieferte die BSG Chemie Leipzig am Samstag gegen das Spitzenteam der VSG Altglienicke eines der besten Saison-Heimspiele ab, doch standen die Leutzscher am Ende mit leeren Händen da. Über die gesamte Spielzeit boten die Grün-Weißen dem Favoriten Paroli und brachten den neuen Liga-Primus dabei gehörig ins Wanken – insgesamt hätte die Elf von Trainer Miroslav Jagatic aufgrund ihrer couragierten Vorstellung einen Punkt absolut verdient gehabt. Doch letztlich bejubelten die abgezockten Berliner einen 4:2 (2:0)-Auswärtssieg im Alfred-Kunze-Sportpark, nachdem die Truppe von Trainer-Routinier Karsten Heine im Stile einer Spitzenmannschaft jeweils zum psychologisch bestmöglichen Zeitpunkt die sich bietenden Gelegenheiten resolut nutzte. Dies war an diesem Tag der große Unterschied zwischen beiden Teams – nichtsdestotrotz kann man vor der Leistung der Chemiker nur den Hut ziehen. Dieser Auftritt macht Mut für die kommenden Aufgaben, auch wenn die nächsten Begegnungen bei Hertha BSC II, in Lichtenberg, bei Lok Leipzig und daheim gegen Cottbus allesamt nicht von Pappe sind. Mit einer solchen Vorstellung wie gegen den neuen Tabellenführer Altglienicke ist den Leutzschern zuzutrauen, auch in diesen Partien punkten zu können.

Dabei hätte die Begegnung aus Sicht der Fünfeckträger schlimmer nicht beginnen können – bereits nach dem ersten Gäste-Angriff lag die BSG in Rückstand. VSG-Innenverteidiger Kevin Kahlert spritzte in einen zum Tor getretenen Freistoß von Stephan Brehmer und netzte per Kopf aus Nahdistanz zum 0:1 ein (2.). Altglienicke begann wie die Feuerwehr, wenige Sekunden nach dem Gegentreffer reagierte Chemie-Schlussmann Benjamin Bellot nach einem Distanzschuss von René Pütt sensationell (3.).
Doch die Leutzscher fingen sich recht schnell und erreichten von Minute zu Minute Ebenbürtigkeit. Das erste Achtungszeichen der Jagatic-Schützlinge setzte Marc Böttger, der nach einem Eckball von Benjamin Boltze an der vielbeinigen VSG-Hintermannschaft scheiterte (10.). Bemerkenswert war dabei, mit welchem Mut die Chemiker offensiv zu Werke gingen. Nach Ballgewinnen im Mittelfeld ging es immer wieder schnell nach vorn, die Gäste hatten im Defensivbereich mehr zu tun als ihnen lieb war. So setzte Benjamin Boltze einen Freistoß knapp über den Querbalken (24.) und bei einem Schlenzer von Alexander Bury fehlten leider die berühmten Zentimeter (39.). So zeigte das engagierte Leutzscher Spiel beim Gegner Wirkung, doch verdeutlichten die routinierten Berliner Sekunden vor dem Seitenwechsel, dass sie nicht umsonst ein Wort um den Staffelsieg mitsprechen werden. Als die Chemiker weit in der gegnerischen Hälfte nach einem Zweikampf zwischen Kevin Kahlert und Florian Schmidt einen Freistoßpfiff zu ihren Gunsten erwarteten, schlug Altglienicke mit einem blitzschnell vorgetragenen Konter eiskalt zu und traf die BSG zum unpassendsten Zeitpunkt direkt ins Mark. Nach einem öffnenden Pass von Berk Inaler sah der unzureichend angegriffene René Pütt den im Sturmzentrum besser postierten Tugay Uzan, der den Querpass direkt nahm und die Kugel zum 0:2 im Leutzscher Gehäuse unterbrachte (45.).
Für die BSG war dieser Halbzeitstand absolut bitter und enttäuschend, da man fast über die kompletten 45 Minuten die Kontrolle über die Begegnung hatte, sich allerdings bei beiden Gegentreffern im Defensiv-Verhalten naiv und blauäugig anstellte. Dass Altglienicke diese Nachlässigkeiten bestrafte, zeichnet eben ein Regionalliga-Spitzenteam aus.

Chemie-Coach Jagatic schwor seine Mannen in der Kabine noch einmal ein, zumal der bisherige couragierte Auftritt allen Grund zum Optimismus gab. Und so begannen die Leutzscher auch die zweiten 45 Minuten ähnlich mutig wie in Durchgang eins. Angetrieben von den Fans wurde die Begegnung fünf Minuten nach Wiederanpfiff plötzlich wieder spannend. Als Alexander Bury nach einem Schussversuch von Daniel Heinze im Gäste-Strafraum von Tom Scheffel zu Fall gebracht wurde, zeigte Schiedsrichter Daniel Köppen (Rathenow) sofort auf den Punkt. Daniel Heinze ließ sich nicht zweimal bitten und setzte den Elfmeter links unten ins Eck – 1:2 (50.). Die BSG war auf einmal wieder im Spiel, doch nur sechs Minuten später wurde es mucksmäuschenstill im Alfred-Kunze-Sportpark. Gerade hatten die Leutzscher Lunte gerochen, als ihnen von den abgezockten Berlinern abermals der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Nach einem abgeblockten Schussversuch nahm Tugay Uzan den Ball aus der Distanz volley aus der Luft – absolut unhaltbar für Benjamin Bellot schlug die Kugel hinter ihm zum 1:3 im BSG-Gehäuse ein (56.). Mit diesem wahren Traumtor schien sich die Begegnung endgültig zugunsten der VSG zu entwickeln, doch auch von diesem Schock blieben die Grün-Weißen nahezu unbeeindruckt. Weiterhin spielte die BSG mutig nach vorn, so dass auch nach ihrem dritten Treffer bei Altglienicke keinerlei Sicherheit einkehrte. Daniel Heinze und Andy Wendschuch versuchten sich aus vielversprechenden Positionen, doch fehlte es jeweils an der notwendigen Genauigkeit (57., 65.).

Chemie-Trainer Miroslav Jagatic forcierte mit der Einwechslung des offensiven Leo Felgenträger für den defensiven Björn Nikolajewski zusätzlich das Risiko, was im weiteren Spielverlauf natürlich die eine oder andere Konter-Möglichkeit der Gäste zur Folge hatte. So bediente Tugay Uzan bei solch einem Schnellangriff den besser postierten Benjamin Förster, doch setzte der ehemalige Chemnitzer und Cottbusser Torjäger den Ball am Tor vorbei (63.). Wenig später schien sich allerdings die endgültige Entscheidung in dieser Partie anzubahnen. Als sich Chemie-Keeper Benjamin Bellot gegen den frei durchgebrochenen Christian Skoda nur per Foulspiel helfen konnte, bekamen auch die Gäste einen Elfmeter zugesprochen. Allerdings ließ der Gefoulte Skoda diese Möglichkeit ungenutzt – der lang stehenbleibende Bellot wehrte die Kugel ab und hatte im Anschluss daran auch etwas Glück, dass der nachsetzende Tony Schmidt aus drei Metern den Kasten verfehlte (70.).

Die Chemiker blieben somit weiterhin im Spiel und setzten in der Endphase alles auf eine Karte. Mit dem stimmgewaltigen Anhang im Rücken bliesen die Platzherren vehement zur Schlussoffensive. Nachdem Philipp Wendt mit einen Hinterhaltsschuss knapp den VSG-Kasten verfehlte (68.), wurden die letzten zehn Minuten dann richtig rasant. Alles begann als Andy Wendschuch im Mittelfeld im Zweikampf mit Rico Steinhauer einen derben Schlag auf den Brustkorb bekam. Beim folgenden Freistoß sorgte wiederum Steinhauer im eigenen Strafraum für Aufsehen, indem er Alexander Bury in Ringermanier zu Boden warf. Referee Köppen hatte alles gesehen, verhängte für die Leutzscher den zweiten Strafstoß und stellte Gäste-Abwehrspieler Steinhauer, nach zwei verwarnungswürdigen Vergehen binnen 30 Sekunden, mit Gelb-Rot vom Platz (82.). Die Stimmung kochte nun über, zumal sich Daniel Heinze vom Elfmeterpunkt erneut als nervenstark erwies und die BSG auf 2:3 heranbrachte (83.). In der Folgezeit drängte die Jagatic-Elf auf den Ausgleich, Altglienicke war in der restlichen Spielzeit komplett im Defensivbereich gebunden. Chemie berannte fortan das Gäste-Tor, bei Versuchen von Alexander Bury (vorbei, 87.) und Florian Kirstein (drüber, 89.) lag der verdiente Ausgleich durchaus in der Luft. Die Grün-Weißen spielten in den Schlussminuten „Alles oder Nichts“ und auch Schlussmann Benjamin Bellot schaltete sich bei einem Freistoß mit in den Angriff ein. Dieser wurde allerdings von der Gäste-Hintermannschaft aus der Gefahrenzone befördert, was der Ausgangspunkt für die endgültige Entscheidung zugunsten der VSG darstellen sollte. Tugay Uzan nahm in der eigenen Hälfte die Kugel auf und passte auf den rechtzeitig startenden Tony Schmidt, der von der Mittellinie auf das verwaiste BSG-Gehäuse zulief und anschließend wenig Mühe hatte, den Ball zum 2:4-Endstand ins leere Tor einzuschieben (90.+1). Damit waren letztlich die Messen gelesen, nach dem anschließenden Abpfiff fand der Altglienicker Jubel über die daraus resultierende Tabellenführung keine Grenzen.

Fazit: Trotz der Niederlage gilt den Leutzschern aufgrund ihrer couragierten Spielweise ein großes Kompliment. Man hatte den großen Favoriten gehörig ins Schwitzen gebracht und vor heimischer Kulisse einen großen Kampf geliefert. Natürlich kann man sich letztlich dafür nichts kaufen, doch wie die Mannschaft in diesem Heimspiel auftrat, stimmt vor den schweren nächsten Wochen durchaus optimistisch und hoffnungsvoll.

Tom Rietzschel

BSG Chemie Leipzig – VSG Altglienicke 2:4 (0:2)

BSG Chemie Leipzig: Benjamin Bellot (TW), Stefan Karau (MK), Björn Nikolajewski (66. Leo Felgenträger), Andy Wendschuch (85. Raffael Cvijetkovic), Alexander Bury, Daniel Heinze, Marc Böttger, Philipp Wendt, Benjamin Boltze, Florian Schmidt (53. Florian Kirstein), Burim Halili; Trainer: Miroslav Jagatic
VSG Altglienicke: Jonathan Dunkel (TW), Michael Czyborra, Kevin Kahlert, Christian Skoda (85. Patrick Breitkreuz), Tugay Uzan, Berk Inaler, Tony Schmidt, René Pütt (59. Rico Steinhauer), Tom Scheffel, Benjamin Förster (66. Nico Donner), Stephan Bremer (MK); Trainer: Karsten Heine
Tore: 0:1 Kevin Kahlert (2.), 0:2 Tugay Uzan (45.), 1:2 Daniel Heinze (50., Foulelfmeter), 1:3 Tugay Uzan (57.), 2:3 Daniel Heinze (83., Foulelfmeter), 2:4 Tony Schmidt (90.+1)
Gelb/Rote Karte: Rico Steinhauer (82., Altglienicke, wdh. Foulspiel)
Schiedsrichter: Daniel Köppen (Rathenow), Felix Burghardt, Tino Stein
Zuschauer: 2620 im Alfred-Kunze-Sportpark, Leipzig-Leutzsch