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Unser neuer Trainer Miroslav Jagatic im Gespräch

By 7. Januar 2019 August 21st, 2019 No Comments

Vor dem Trainingsstart konnten wir unseren neuen Cheftrainer Miroslav Jagatic in einem ausführlichen Gespräch ausfragen und auf „Herz und Nieren“ prüfen. Hier lest ihr, was er zu sagen hatte.

Miroslav Jagatic…

…über den Kontakt nach Leutzsch:
„Ich habe mich nach einem Hinweis eines Kumpels ganz klassisch beworben. Ich dachte mir „Chemie, das ist doch ein Verein, das würde genau passen.“ Ein geiler Verein, die Fans, Tradition, was will man mehr? Chemie, da würde ich sogar von Berlin hinlaufen. Dann habe ich meinen Lebenslauf eingereicht und wurde von Andy Müller zum Gespräch eingeladen. Es war von meiner Seite sofort ein geiles Gefühl, wenn man miteinander geredet hat. Wir haben da direkt die gleiche Sprache gesprochen. Besonders hat mir auch das Bodenständige hier gefallen. Dann dachte ich auch „das wäre ja fast zu schön um wahr zu sein“. Es waren ja eine Menge Bewerber in Leutzsch. Umso glücklicher – und auch ein bisschen stolz – bin ich nun, dass es geklappt hat.“

… über Eindrücke von der Atmosphäre in Leutzsch:
„2500 Fans beim Heimspiel, dass man die Hütte voll hat, das hatte ich bislang nur im Ausland. Ich war ja nicht nur einmal bei Chemie [also beim Spiel Chemie gegen Altglienicke, d. Red.] sondern im Vorfeld drei oder vier Mal auch einfach so. Da dachte ich schon „das ist ja verrückt“: Absolut geil, wie man hier empfangen wird. Man hat ja schon viele Stadien mitgemacht. Ich habe mich hier immer pudelwohl gefühlt.
Was von Chemie-Seite her die Fans abreißen ist natürlich Wahnsinn. Ich freue mich riesig auf die Fans. Als Gegner hat man da schon mal den „Bolzen in der Hose“, wenn man da vor der Kulisse steht, die die Mannschaft nach vorne peitscht. Das ist definitiv der 12. Mann. Das passt und das ist doch, warum du Trainer oder Fußballer bist – wie man hier empfangen wird, die Fans, die Stimmung.“

…über einen Umzug nach Leipzig:
„Erstmal werde ich pendeln, aber definitiv werde ich den Schritt gehen, dass ich dann in Leipzig vor Ort bin. Ich will auch Veränderungen antreiben und da muss ich einfach vor Ort sein. Meine Familie weiß ja auch Bescheid – ich bin sowieso fußballverrückt – das passt schon. Ich will hier mit dem Trainerteam und der Mannschaft auch Erfolg haben, und das geht aus der Ferne nicht, da muss ich voll dabei sein. Leipzig ist ja auch eine schöne Stadt – warum nicht?“

…über seine Erfahrungen in Myanmar und was er davon für Chemie mitnimmt:
„Co-Trainer in Myanmar wurde ich durch einen guten Freund. Was ich mitnehmen konnte, ist die Bodenständigkeit, die ich auch hier wiedererkannt habe. Auch die Begeisterung der Fans, wie die ihre Mannschaft immer nach vorne peitschen, auch wenn‘s mal nicht so läuft, ist vergleichbar. Ich habe auch mitgenommen, positiv zu denken. In Deutschland sagt man schnell „Das hier ist Mist, dies hier ist Mist.“ Da denke ich jetzt: aber uns geht‘s doch gut. Wir dürfen Fußball spielen, meine Familie ist gesund, was will man mehr? Das habe ich mitgenommen: mit kleinen Dingen zufrieden zu sein. Wenn man so will, habe ich da auch meine Einstellung zum Leben geändert.“

…über seine persönlichen Pläne als Trainer:
„Fußball macht man ja nicht nur des Geldes wegen, sondern auch wegen dem Flair, der Stimmung; und die hat man bei Chemie. Darauf werden wir hinarbeiten, dass wir den Fans dann jede Woche auch etwas wiedergeben. Zusammen wollen wir hier etwas aufbauen – zusammen! Alleine gewinnt keiner einen Blumentopf. Und da möchte ich mitgestalten. Die Wunschvorstellung von meiner Seite ist natürlich, das langfristig zu machen. Aber zu so einer Sache gehören ja immer zwei Seiten. Erstmal muss ich hier die Ärmel hochkrempeln und abliefern. Dann wird der Rest sich ergeben.“

…über mögliche Verstärkungen noch in der Winterpause:
„Ehrlich gesagt, finde ich, dass die Mannschaft die nötige Qualität jetzt schon hat. Natürlich, sogar bei Bundesligavereinen ist es doch so, dass man immer sagt „Naja, auf zwei, drei Positionen würde noch was gehen.“ Aber ich denke, das sollte bei uns auch so reichen.

Manches wird man aber auch erst sehen, wenn das Training wirklich losgeht. Es kann ja auch sein, dass sich jemand verletzt – da muss man dann natürlich aktiv werden. Wir werden aber nun nichts über Knie brechen. Wir waren uns in den Gesprächen einig: wenn wir jemanden holen sollten, dann muss es jemand sein, der zum Verein passt, der sich identifiziert. Das bedeutet: Fußballverrückte!

Wenn man jemanden holt, der schon in dieser oder jener Liga gespielt hat, das heißt ja auch noch lange nicht, dass der uns in die Regionalliga hochschießt. Spieler wie Mattuschka oder Sanogo – menschlich waren die für mich eine riesige Erfahrung, das sind Bomben. Aber es gibt ja keine Garantie. Statt einen Ex-Profi zu holen, hole ich mir doch lieber zwei junge, hungrige Spieler, die dann richtig den Finger ziehen.
Das sind Sachen, die werden Christian [Sobottka], Andy [Müller; d. Red.] und ich noch weiter analysieren. Ich kann aber jetzt noch nicht endgültig sagen: Nein, wir holen definitiv keinen Neuen mehr oder umgekehrt, wir holen definitiv noch jemanden. Da werden wir auch keine voreiligen Schlüsse ziehen.

…über seine taktischen Pläne:
„Chemie bedeutet traditionell Kampf um jeden Meter. Dass die Mannschaft sich nicht aufgibt, alles aus sich herausholt und über sich hinaus wachsen kann, ist bestens bekannt. Das ist ein Pfund! Ich denke aber, dass das spielerische Potential nicht minder vorhanden ist. Immer wieder blitzt das auf. An der Stelle werden wir sicherlich im Training hart arbeiten, Spieler genau analysieren und neue Sachen ausprobieren. Natürlich helfen dabei auch digitale Analyse-Methoden und Statistiken etc. Ein Laptop-Trainer, der jeden einzelnen Schritt im Rechner dokumentiert bin ich aber nicht. Ich glaube, ein gesunder Mix verschiedener Trainingsmethoden ist richtig. Wichtig für mich ist es, jeden einzelnen Spieler zu erreichen, das gelingt mal mit Zuckerbrot und auch mal mit der Peitsche.“

…über das Derby und die Rivalität: 
„(erheitert) Ich weiß ganz genau, wie die Rivalität zwischen Lok und Chemie ist. Dafür kenne ich den ostdeutschen Fußball gut genug. Davon bekommt man auch in Berlin eine Menge mit – zum Beispiel jetzt auch das Pokalspiel. Solange alles sportlich bleibt, ist das doch eine super Sache. Die Derbys machen es doch aus. Ich selbst habe letztes Jahr einmal bei Lok verloren und einmal zu Hause in den letzten zehn Sekunden noch den Ausgleich gekriegt. Das hat mich so gewurmt, weil es so unverdient war. Da würde ich mich freuen, wenn ich mit Chemie da Lok noch eins „auswischen“ kann.“

…über seine Aktivitäten seit April 2018:
„Ich war unheimlich viel im Ausland und in Ostdeutschland unterwegs, habe viele Spiele gesehen, viel gelernt und mich auch fortgebildet – im taktischen Bereich zum Beispiel. Ich habe mich versucht selbst zu reflektieren – ich hab natürlich auch nicht immer alles richtig gemacht. So habe ich die Zeit genutzt um auch in mir selber zu arbeiten. Zum Beispiel in der Psychologie, wo ich die verschiedenen Spieler ins Boot holen muss – den Ex-Profi und den Spieler, der am Tag noch 50 Rigipsplatten geschleppt hat. Ich kann es jetzt kaum abwarten, am Montag wieder auf dem Platz zu stehen.“

…über den Trainingsstart am Montag:
„Erstmal wird Christian am Montag das Training noch leiten, ich werde natürlich dabei sein und mir alles anschauen, auch schon Gespräche führen. Dann die Tage danach, ab Dienstag, werden wir ins Detail gehen, herausfinden wie jeder tickt. Wir [Christian Sobottka und er; d. Red.] haben uns schon abgesprochen, wo wir die Schwerpunkte setzen wollen, wo wir denken, dass Bedarf da ist. Und dann werden wir auch besser sehen, ob die Spieler unsere Pläne umsetzen können oder ob es doch noch Verstärkungen braucht.“

…über die restliche Saison: 
„Ich gehe natürlich davon aus, dass wir es schaffen, aufzusteigen. Aber wir dürfen unsere Gegner nicht von oben herab behandeln – nach dem Motto „wer seid ihr denn?“ Wir wissen, dass Luckenwalde auch eine gute Mannschaft hat und sehr gute Arbeit leistet, aber wir werden alles daran setzen, Luckenwalde zu schlagen. Dann wird der sportlich Bessere gewinnen – und ich bin überzeugt, dass wir das sind.“