FANSVEREIN

Stellungnahme zum Polizeieinsatz beim Auswärtsspiel in Heidenau

By 20. September 2011Dezember 7th, 2020No Comments

Erneut muss sich die BSG Chemie Leipzig nach einem Auswärtsspiel mit den Schattenseiten von Polizeieinsätzen auseinandersetzen und erneut müssen wir klare, sogar noch klarere Worte finden, um diese zu verurteilen.

Schon auf der Hinreise wurden unsere Fans unverhältnismäßig von allen anderen Reisenden separiert und z.B. alte Frauen dazu gezwungen, sich auf dem Bahnsteig neue Sitzplätze zu suchen. Dabei wurde sowohl den Fußballfans als auch den „normalen Reisenden“ suggeriert, dass jeder, der einen grünen Schal mit sich führt, eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Bei der Begleitung im Zug und zum Stadion liefen vereinzelt Polizisten mit einem geöffneten Pistolenhalfter umher. Dies stellt nicht nur eine nicht zu verstehende Geste gegenüber den Fans dar, sondern ist ein Sicherheitsrisiko, bei dem mit Gewissheit davon auszugehen ist, dass dies nicht von den Vorschriften der Beamten abgedeckt ist. Ist es Ziel der Polizei, mit dem schnellen Ziehen einer Pistole auf unsere Fans zu reagieren?

Bei der Ankunft in Heidenau wurden von der zuständigen Bundespolizei die Personalien aller mitgereisten Zugfahrer notiert. Begründet wurde diese Maßnahme mit Vorkommnissen bei den ersten Auswärtsspielen in dieser Saison. Welche das sein sollten, war den Betroffenen und unseren Vereinsvertretern ein Rätsel. Alle bisherigen Gastgeber können bestätigen, dass das Auftreten der Fans bei den letzten Spielen lautstark, aber friedlich war. Es gibt für dieses derart repressive Auftreten im Vorfeld eines Fußballspiels keinerlei Rechtfertigung oder Grundlage – entsprechend groß ist unsere Empörung über die Diffamierung unseres Anhangs und damit unseres Vereins.

Das Spiel selbst verlief vollkommen vorfallsfrei. Die im Vorfeld erfolgte Kommunikation mit dem Leiter des Ordnungsdienstes und dem Heimverein bewährte sich erneut und sorgte für einen reibungslosen Ablauf des Spiels, an dessen Ende sich unsere Mannschaft ein 1:1 erkämpfen konnte.

Nach dem Spiel warteten vor dem Stadion zahlreiche Anhänger des in der Nähe beheimateten Vereins Dynamo Dresden. Auch hier kam es trotz Drohgebärden dieser Personen maximal zu fußballtypischen Wortgefechten, aber nicht mal im Ansatz zu Auseinandersetzungen.
Angekommen auf dem Bahnhof Heidenaus, warteten unsere Fans auf den Zug in Richtung Dresden. Beim Einsteigen in diesen schubsten die eingesetzten Beamten die Chemie-Fans und drängten diese mit Gewalt in die Waggons. Dabei setzten die Polizisten ihren Mehrzweckeinsatzstock ein, verletzten damit mehrere Fans, um anschließend Pfefferspray in die geschlossenen Abteile zu sprühen. Zu dieser Zeit waren etliche Personen im Zug anwesend, die mit dem Fußballspiel nichts zu tun hatten und von diesem ungerechtfertigten Einsatz in Mitleidenschaft gezogen wurden. Kinder und alte Menschen mussten unter Tränen den Zug verlassen.

Auch beim Umstieg in Dresden war von einer deeskalierenden Begleitung keine Spur, so wurden unsere Fans unter gewalttätigem Druck auf den Bahnsteig gedrängt und von den Einsatzkräften beleidigt: „Bewegt euch, ihr Penner!“ Beschwerden über diesen Umgangston wurden mit dem Ziehen von Teleskopschlagstöcken beantwortet. Das Geräusch beim Ausfahren dieser Waffe schafft eher Angst, als zur Befriedung einer ohnehin angespannten Situation beizutragen.

Im Folgenden wurden unsere Fans geschlagen und getreten und dabei ein kleiner Junge durch einen Tritt am Knie verletzt und daraufhin durch eine bei unseren Fans befindliche Krankenschwester versorgt. Die darauf angesprochenen Einsatzkräfte kommentierten den Vorfall nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit dem Hinweis, der Vater selbst sei ja an diesem Zustand schuld, da er seinen jungen Sohn mit zum Fußball nehme. Dies zeigt eindeutig, dass den Polizisten ihr Verhalten zwar bewusst war, sie dieses aber nicht als Fehlverhalten werten, sondern sich dabei noch im Recht sehen. Wir hoffen eindringlich darauf, dass sich sowohl das betroffene Kind, als auch sein Vater davon nicht beeindrucken lassen und der BSG Chemie weiterhin folgen werden. Es kann nicht Ziel der Polizei sein, kleinen Jungen ihr großes Hobby zu verbieten oder durch solch ein Verhalten das Generationenerlebnis Fußball zu zerstören. Ein „szenekundiger Beamter“ aus Dresden setzte dem noch die Krone auf, indem er auf eine Nachfrage wie folgt antwortete: „Im Stadion wart ihr noch so klein mit Hut und jetzt spielt ihr euch so auf…“. Auf diese rhetorische Missinterpretation aufmerksam gemacht, verließ er sofort und wortlos das Szenario. Es schien, als wäre der Beamte enttäuscht darüber, dass das Spiel wenige Stunden zuvor noch problemlos ablief und sich unsere Fans selbstregulierend nicht von Störern provozieren ließen.

Diese gesammelten Respektlosigkeiten sind in der Form und Masse nicht zu dulden. Solche Tage helfen nicht, ein sich festigendes „Feindbild Polizei“ abzubauen oder auf eine deeskalierende Zukunft zu setzen. Darum verurteilen wir diesen Auftritt aufs Schärfste. Die gesammelte Präsenz solcher Vorkommnisse in den letzten Wochen lassen den Schluss zu, dass dieses repressive Vorgehen methodisch erfolgt, um unsere Fans einzuschüchtern und ihnen strukturell zu schaden. Dies zeigt auch, wie wichtig es ist, sich endlich der Problematik des fehlenden Fanprojektes anzunehmen und dieses mit einem neuen, kritischen und unabhängigen Partner zu besetzen.

Natürlich wissen wir, dass wir auch mit dieser Stellungnahme in der Praxis wenig ändern werden, aber es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, sich schützend vor unsere Fans zu stellen und unverhältnismäßiges Verhalten anzuprangern. Dies werden wir tun, bis endlich mehr Sensibilität bei den leitenden, ordnungspolitischen Stellen vorherrscht und auch dort Fehler eingestanden werden. Außerdem raten wir den Betroffenen, Anzeigen zu erstatten. Die entsprechenden Namen der Einsatzleiter und diensthabenden Beamten liegen dem Verein vor und werden bei Bedarf weitergegeben. Generell werden wir uns als Verein mit unseren Fans intern beraten, ob und an welcher Stelle in Zukunft bei Spielen eine anwaltliche Begleitung gestellt werden kann, um entsprechend und nachdrücklich gegen polizeiliche Willkür vorzugehen.

BSG Chemie Leipzig e.V.

Leipzig, d. 20.09.2011